Vierte Gewalt. War da was?
Das ein gestandener Industriekapitän auf seinen Reisen beim Thema Stuttart 21 auf Erstaunen angesichts des Protestes stößt, mag auch an der Entfernung liegen. An der räumlichen Entfernung der Gesprächspartner zum Ort des Geschehens. Aber auch an der sozialen Entfernung des angesprochnenen Industriekapitäns. Wer täglich nur unter Seinesgleichen speist und die Welt nur noch gefiltert wahrnimmt, der kann drei Minuten Zeitgewinn und einen Bahnhof mit eingeschränkter Nutzbarkeit schon mal als deutliche Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur verstehen. Auch die Überzeugung der Technologieführerschaft durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof wirkt aus dem Munde einer Führungspersönlichkeit doppelt irritierend. Zum Einen, weil einem gestandenen Manager mehr Weitblick zuzutrauen sein sollte und zum Anderen, dass es an dieser Stelle kein Zwischenruf des interviewenden Journalisten gibt, schließlich sollte es immer dann Widerspruch geben, wenn Behauptungen in den Raum gestellt werden, die jeglicher Grundlage entbehren. Wo steht geschrieben, dass ein Durchgangsbahnhof modern ist. Wo, dass ein Kopfbahnhof veraltet sei. Einen solchen Ratschluss gibt es nicht. Und doch wird er, einer Monstranz gleich, von den Befürwortern von Stuttgart 21 vor sich hergetragen.
Ein Recht auf Meinung lässt auch Halbwissen oder Nichtwissen zu. Solcherlei in die Runde geworfen, hat der Journalist hervorzutreten und zu hinterfragen. Wie sonst sollte er sonst Pressefreiheit und den besonderen Schutz durch die Verfassung rechtfertigen.
Die Wirklichkeit indes sieht anders aus. Je näher man dran ist, umso mehr treten die Versäumnisse hervor. Längst ist aus Recherche Beschreibung geworden. Es wird wiedergeben, was sich ereignet. Als vierte Gewalt hat die Presse jedoch weit mehr zu leisten. Sie hat zur Kontrolle von Regierung und Regierenden beizutragen. Sie hat Missstände aufzudecken. Sie hat stellvertretend die Fragen zu stellen, die den Bürgern auf den Nägeln brennen, die diese aber mangels Zugang nicht selbst stellen können. Tut sie dies nicht, verkommt sie zum Herold der Macht und verliert ihre Legitimation als Verfassungsakteur.
Wenn Bahnchef Wolfgang Grube davon spricht, dass die Fakten auf den Tisch müssten, sollte man erwarten, dass die versammelte Presse ihn beim Wort nimmt. Fehlanzeige. Gleiches Bild bei Wolfgang Schusters Forderung nach mehr Transparenz. Sind dieser Aufforderung Taten gefolgt? Nein, die Presse hetzt bereits dem nächsten Bericht hinterher. Nachfragen? Keine Zeit. Journalismus? Schnell einen Artikel fertigstellen. Hintergründe, Widersprüche? Zu aufwendig. Droht ein Demonstrant durch ein Einsatz von Wasserwerfern zu erblinden, gilt der Wurf von ein paar Kastanien plötzlich als gleichviel wie der Einsatz von sechs Hundertschaften Bereitschaftspolizisten gegen Schüler. Fern auf dem warmen Redaktionssessel wird so ein Bild von unerhörtem Widerstand gezeichnet. Der Versuch einer objektiven Einordnung erfolgt nicht. Stattdessen werden Lappalien mit staatlicher Repression gleichgesetzt, einfach deshalb, weil Ereignisse nicht mehr eingeordnet, in ihre Verhältnismäßigkeit gesetzt werden. Die Nachricht vom Krieg ist soviel wie die Nachricht vom geklauten Pfandbon. Gut, manche nehmen ihre presserechtliche Aufgabe lieber gleich als Auftrag zur parteipolitischen Meinungsmanche wahr und machen aus Kastanien vorsichtshalber gleich Pflastersteine. Das Fragezeichen als Feigenblatt der Heuchelei darf da natürlich nicht fehlen.
Immer wieder stellt sich auch die Frage, wie es in Stuttgart zu einer solchen Situation, wie sie sich heute darstellt kommen konnte. Von Seiten der befürwortenden Politiker ist immer wieder die Rede vom ‘Kommunikationsdesaster’. Es ist allerdings mehr als fraglich, ob eine andere Kommunikation mehr Erfolg bei der Durchsetzung des Projektes gezeitigt hätte, suggeriert das Wort doch, dass die Argumente der Befürworter richtig sind und sie nur falsch übermittelt wurden. Das Gegenteil ist der Fall. Alle vorgelegten Argumente überzeugen nicht. Leider leidet auch diese Tatsache unter der mangelnden Arbeitsethik verschiedenster Journalisten. Es reicht halt nicht, einfach die Aussagen beider Seiten gegenüber zu stellen. Lesen sollte man die Aussagen schon. Wird einem dann nämlich klar, dass sich die ein oder andere Aussage diametral widersprechen. Ein Journalist, der seine Aufgabe ernst nimmt, sollte dies thematisieren. Nicht zuletzt, da, bei zwei sich widersprechenden Aussagen eine definitiv falsch zu sein hat. Zumindest wenn man Sokrates Glauben schenkt. Und wenn eine Aussage falsch ist, kann sie nicht mehr in einen Katalog von Pro- oder Contra-Argumenten einfliessen. Ist eine derartige Stellungnahme zu hören. Nein. Beschreiben ist ja soviel einfacher als hinterfragen. Und macht auch weniger Ärger. Da berichtet man lieber davon, wie eine Landesregierung den Demonstranten die Hand zum Dialog ausstreckt und als Zeichen des Vertrauens den weiteren Abriss des Bahnhofs stoppt. Stimmt zwar nicht. Macht sich aber gut. Dass die Fortsetzung des Abrisses laut Bauplanung sowieso erst zu einem späteren Zeitpunkt geplant war und somit nicht als Friedensangebot gewertet werden kann, ist da nur eine lästige Nebensächlichkeit. Weiteres Nachbohren durch Journalisten kann man da ja nun wirklich nicht erwarten. Oder?
Der Beispiele könnten viele weitere genannt werden. Geradezu absurd wird diese Form des Journalismus jedoch angesichts der Aussage des FDP-Generalsekretärs Christian Lindner, dass es nun besserer Argumente bedürfte, die Bürger zu überzeugen. Welche besseren Argumente? Könnte da mal jemand nachfragen, ob er etwas weiß, was wir noch nicht wissen. Das Argument, dass bis heute noch keiner kennt, weil es so gut ist, dass man es sich bis zum Schluss aufgespart hat. Oder einfach nur, weil man es noch erfinden muss?