erstellt am 3. März 2011 // 21:59

Wie aus Lüge Ehre wird.

Selbst wenn die Angriffe auf den ehemaligen Verteidigungsminister Guttenberg einer unverhältnismäßigen Erregunslogik folgen sollten, so verblasst jeder Einwand und jede Entschuldigung vor der Tatsache, dass hier einer schlicht betrogen hat. Die Kanzlerin und die ihren basteln bereits, nicht zu letzt aus Selbstschutz, an der Dolchstoßlegende gegen den aufrechten Freiherrn. Dabei wird gerne verkannt, dass es mit Ausnahme der BILD-Zeitung zu allererst konservative Kreise waren, die sich über den Ausverkauf ihrer Werte empört haben. Mit der Befragung Guttenbergs im Bundestag schien doch alles seinen Gang zu gehen und sogar der Spiegel schrieb bereits von der ‘Affäre im Abklingbecken‘. Tatsächlich war es jedoch die wissenschaftliche Gemeinde, die am Ruf nach Rücktritt festhielt und die Verfehlungen in bis dato nicht gekannter Schärfe geißelte. Es ist also fraglich, ob Angela Merkel gut beraten ist, die Bürger dieses Landes und insbesondere ihre politischen Gegner pauschal der Verlogenheit zu zeihen. Es erfordert schon viel Realitätsverweigerung, im Falle einer augenscheinlichen Lüge die Befähigung zum Ministeramt von der Frage nach der persönlichen Eignung zu trennen. Nicht fähig bei Fußnoten den Überblick zu behalten, aber ein Heer in der Schlacht befehligen wollen? Vielleicht ist es auch einfach politisches Kalkül. In jedem Fall entspringt es einer ausgeprägten Wagenburgmentalität zu glauben, die ganze Sache habe lediglich zum Ziel, der CDU zu schaden. Könnte es nicht sein, dass es einfach sehr viele Menschen leid sind, wie mit zweierlei Maß gemessen wird und, wenn es einen der unsrigen trifft, der Werterelativismus zur Tugend erhoben wird?
Viel mehr Sorgen als um die immer gleichen, vorhersehbaren und abgestandenen Politikrituale muss man sich allerdings langsam um die Volksgesundheit machen. Aus der Psychologie ist bekannt, dass es zum Schwierigsten überhaupt gehört, eine einmal gefasste Meinung zu revidieren. Angesichts einer fast schon messianischen Hoffnung auf einen Politiker neuen Typus gilt das sicherlich umso mehr. Ehrlichkeit und Anstand als Argumente gegen den Rücktritt eines nachweislich unehrlichen Ministers in Feld zu führen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Zu viel DSDS führt anscheinden zum Glauben, dass der Schein an sich bereits Kompetenz sei. Aber was hat er bisher den tatsächlich geleistet? Ach ja, die Bundeswehrreform. Die existiert bisher jedoch nur auf geduldigem Papier und ist selbst vom Kanzleramt als Stückwerk kritisiert worden. Und sonst?
Ausgerechnet der christ-soziale Ministerpräsident Baden-Württembergs hat sich nicht entblödet und die ‘Rückgabe’ des Doktortitels durch Guttenberg als ‘aller Ehren wert’ bezeichnet. Dürfen wir das also so verstehen, dass, nach konservativer Lesart, der durch eine Lüge erzwungene Titelverzicht ein hohes Gut ist? Bedeutend genug, aller erdenklichen Ehren würdig zu sein? In jedem Fall liegt dies ganz auf der Linie von Karl-Theodor zu Guttenberg und seiner selbst ausgerufenen Vorbildlichkeit. Sicher, es mag wichtigeres geben. Ein Betrug bleibt es trotzdem.

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